Mai 2018: Zwischen Erlaubtem und Gewünschtem

Kalenderedition 2018

Bauvorschriften sind eine zweischneidige Sache. Sie garantieren Sicherheit, aber sie machen das Bauen auch teuer. Sie sorgen dafür, dass kein Bauherr, nur weil er sich’s leisten kann, ein Hochhaus mitten im Reihenhaus-Viertel errichtet. Aber die Vorschriften vereinheitlichen auch das Aussehen vieler Häuser und lassen manche Neubausiedlung austauschbar erscheinen.

Es sind die Handwerker und die Architekten, die Bauvorschriften kreativ ausloten, an ihre Grenzen gehen und dicken Bänden voller behördlich festgeschriebener Neigungswinkel und Traufhöhen am Ende ein Haus mit individuellem Charakter abringen.

Immer wieder müssen Handwerker und Architekt abwägen: Das Treppenhaus im Mehrfamilienhaus soll möglichst aus Holz sein, aber der Brandschutz muss gewahrt werden. Das Dach soll eine bestimmte Form haben, muss aber Schnee- und Windlasten widerstehen.

Maurer, Zimmerer, Dachdecker, Bautischler, Stuckateur, Maler, Fensterbauer und viele Kollegen aus anderen Gewerken prägen mit ihren Erfahrungen, ihrem handwerklichen Können und ihrem Wissen um bestimmte Materialien – und auch damit: wo man diese Materialien zu welchem Preis beschaffen kann – das Aussehen eines Hauses mit und interpretieren so die behördlichen Vorgaben immer wieder neu.

Ein schiefergedecktes Haus mit Außenwänden aus geölten Holzplanken, ganz schlicht und klassisch in seiner Form, das in einer blühenden Frühlingswiese steht. Ein alter Bauernhof, denkmalgeschützt, wunderschön, aber im Inneren etwas dunkel, Dachgauben sollen zusätzliches Licht in die Innenräume bringen. Beide Beispiele sind Fälle für das Zusammenspiel aus Bauhandwerk, Architekt, Vorschriften und Satzungen. Zwischen dem behördlich Gestatteten, dem Willen des Bauherrn und dessen Budget findet der erfahrene Handwerker einen Weg von der ersten vagen Idee zum fertigen Haus, das viele Generationen stehen und das Ortsbild mitprägen wird.

Bilder von Silvio Bronst; Texterstellung NETZWERKZENTRUM AUGUST STARK