Februar 2018: Umbauter Raum

Kalenderedition 2018

Dass der Mensch entwicklungsgeschichtlich zum Menschen wurde, hat unter anderem mit dem sprichwörtlichen Dach über dem Kopf zu tun. Selbst als der Mensch noch in Höhlen wohnte, in Räumen also, die er vorfand und nicht erbaute, selbst damals schon beschäftigte er sich mit Gestaltung – er ritzte Tierumrisse in die Höhlenwände, er bemalte sie.

Irgendwann begann der Mensch, Steine aufeinanderzuschichten, später brannte er Steine und verband sie mit Mörtel zu stabilen, hochaufragenden Konstruktionen. In einem schöpferischen Akt schuf er sich so nicht nur Schutz vor Wind und Wetter, sondern zog eine Grenze zwischen der Welt und sich, zwischen Natur und Kultur.

Von den Tempelbauten der Hochkulturen, ganz gleich auf welchem Kontinent, bis zu den Renommier-, Nutz- und Wohnbauten der Römer – immer war das Bauen mit Gestaltungsfragen verknüpft. Und ist es bis heute. Form und Funktion bedingen sich, seitdem gebaut wird. Das Repräsentationsbedürfnis des Bauherrn, sein sozialer Stand und seine ökonomischen Möglichkeiten bilden den Grund, auf dem Handwerker in unzähligen Gewerken tätig werden. Maurer, Zimmerleute, Dachdecker, Tischler genauso wie Stuckateure, Treppenbauer und viele mehr – sie alle sind beileibe nicht nur die schnöden Umsetzer des Willens von Bauherr und Architekt: Sie haben die Technologien oft erst erschaffen und immer wieder weiterentwickelt. Ohne sie würde der Entwurf regelmäßig nur das bleiben: ein Entwurf.

Sichtbar wird das in zahlreichen Gebäuden in der Region. Selbst wenn Beton als opus caementitium schon vor rund zweitausend Jahren in Rom verbaut wurde – die Bauten der Moderne, in Chemnitz mustergültig in Gestalt des Kaufhauses Schocken umgesetzt, hätten ohne den Pioniergeist von Handwerkern nicht zu ihrem Ausdruck gefunden.

Und auch wenn beim repräsentativen Bauen feinziselierter Stuck heute weniger gefragt ist als Waschbetonwände oder Deckensegel aus Hightech-Materialien – der Handwerker und seine Erfahrung im Umgang mit dem Material bleiben unverzichtbar, wenn gestalteter, umbauter Raum entstehen soll.

Bilder von Silvio Bronst; Texterstellung NETZWERKZENTRUM AUGUST STARK