August 2018: Vielfalt

Kalenderedition 2018

Es heißt, der Mensch fühle sich am wohlsten in einem Raum, in dem die Decke nicht höher ist, als er den Arm über den Kopf strecken kann, und in dem der Blick nach draußen in Höhe und Breite des Raums unverstellt und unverbaut ist. Es sind dies die Raum- und Sichtverhältnisse, die einst in den Höhlen galten, in den Ur-Behausungen des Menschen – heute allenfalls nachvollziehbar beim Bofen in der Sächsischen Schweiz.

Als die Menschen anfingen, sich Häuser zu bauen, wurde der Abstand zwischen Boden und Decke rasch zur Machtgeste: Wer hat den höchsten Raum? Kleine, niedrige Stuben sind leichter zu beheizen und damit preiswerter zu bewirtschaften. Heißt im Umkehrschluss: Hohe, nur mit Aufwand beheizbare Räume künden von Wohlstand. Hinzu kommt, dass ein hoher Raum der Macht seines Besitzers Ausdruck verleiht, indem er dem weniger mächtigen Besucher ein Gefühl der Verlorenheit gibt.

Das Maß zwischen oben und unten ist das eine. Nicht weniger Auskunft über Besitzer, Funktion und Anspruch eines Raums gibt die Ausführung von Boden und Decke, ihr Material. Estrich oder Parkett? Geschliffener Marmor oder PVC-Belag? Sichtbeton oder schlichtes Weiß? Kassettendecke oder Stuck?

Wenn es an die Ausführung geht oder an die Restaurierung historischer Böden und Decken, schlägt die Stunde des Handwerks. Dann sind Stuckateur, Bodenleger, Parkettleger, Fliesen- und Mosaikleger, Raumausstatter und andere Gewerke gefragt.

Der Bauherr aber muss die Wahl treffen: Soll ein Neubau dem Diktum der Moderne „Die Form folgt der Funktion“ gehorchen oder darf’s ein bisschen Blendwerk aus Gipskarton sein? Soll der Boden nur praktisch oder zugleich auch repräsentativ sein? Sollen an Boden und Decke eines Baudenkmals, das restauriert wird, Altersspuren weiterhin zu sehen sein? Schätzt man Schrammen und Macken als wertige Zeichen der Zeit oder will man unverbrauchte Oberflächen?

Der erfahrene Handwerker kann Rat aussprechen. Er weiß um Wirkung, Haltbarkeit und Nutzwert der Materialien. Außerdem: Ohne ihn würden die Ideen des Bauherrn am Ende nur das bleiben: Ideen.

Bilder von Silvio Bronst; Texterstellung NETZWERKZENTRUM AUGUST STARK