April 2018: Von Höhlenmalerei und Farbleitsystemen

Kalenderedition 2018

Die Aufmerksamkeit, die dem Maler und Lackierer zuteil wird, ist häufig geringer als es die Werke verdient haben, die dieser Handwerker erschafft. Kaum ein Innenraum kommt ohne ihn aus, kein Schulhaus, kein Bürogebäude, kaum eine größere Betriebsstätte und so gut wie keine Fassade. Wie unsere Innenstädte, Marktplätze und Dorfkerne aussehen, das haben Maler und Lackierer zumindest mitgeprägt. Die stolze Erscheinung eines Patrizierhauses wird übersehen, wenn Gemäuer und Stuck grau und farblos sind.

Vielseitig ist der Beruf wie kaum ein anderer. Von wegen Wand anstreichen! Fachbetriebe dieses Gewerks entwickeln Farbleitsysteme, damit sich zum Beispiel Krankenhausbesucher und Patienten in riesigen Gebäudekomplexen nicht verlaufen. Ein erzgebirgischer Betrieb ist darauf spezialisiert, europaweit die Kuppeln von Zeiss-Planetarien instand zu halten. Ein anderer Betrieb aus der Region bringt riesige Industrie- und Messehallen auf Vordermann und produziert nebenbei synthetische Fußbodenplatten für ebendiese Hallen.

Und der Werkstattleiter der Maler und Lackierer im Bildungszentrum der Handwerkskammer Chemnitz ist ein Experte für Holzimitationen. Unter den Abschlussarbeiten seiner Gesellen und Meister findet man bisweilen verdächtig nach Stahl aussehende Oberflächen, die aus nichts weiterbestehen als aus kunstvoll aufgetragenen Farbpigmenten. Und auch wenn es um Bauten- und Korrosionsschutz geht, sind Maler und Lackierer gefragt.

Doch wo hat das Gewerk seinen Ursprung? In den Höhlenmalereien von Lascaux oder eher dort, worum es darum ging, schlichten Lehm- und Steinwänden Ansehnlichkeit und Status zu verleihen? Wo und wann trennten sich die Malerei als künstlerische Gattung und das Handwerk? Und lässt sich beides überhaupt voneinander trennen?

Die Maler und Lackierer von heute sind Universalisten. Höhlenmalerei könnten sie wahrscheinlich immer noch. Zusätzlich aber setzen sie Gebäude in Szene, schützen Fassaden und prägen die Wahrnehmung von Räumen genauso wie die Orientierung in ihnen.

Bilder von Silvio Bronst; Texterstellung NETZWERKZENTRUM AUGUST STARK