Januar 2016: "Einsamer Skifahrer"

Kalenderedition 2016

Partner-Werkstätten: Berufsbildungsbereich

Ein neues Jahr beginnt. Was liegt vor uns? Was werden wir erleben? Die gleichen Frage stellen sich jedes Jahr die neuen Werkstattmitarbeiter.

Das Werkstattjahr beginnt im September. Nachdem sie die Schule beendet haben und die letzten Sommerferien zu Ende sind, starten die Schulabgänger ihren neuen Lebensabschnitt "Arbeit in der Werkstatt" im Berufsbildungsbereich. Jeder Schulabgänger erhält in den nächsten 27 Monaten seine berufliche Bildung. Diese ist auf das Produktionsprofil der Werkstatt abgestimmt und endet mit dem Werkstattexamen, für das jeder seine erworbenen Kenntnisse in Theorie und Praxis unter Beweis stellen muss.

In den ersten drei Monaten geht es darum, die Partner-Werkstatt kennenzulernen, sich an den neuen Rhythmus der Arbeit zu gewöhnen, sich in die eigene Gruppe zu integrieren und in der sogenannten Grunderprobung auszuprobieren, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten vorhanden sind. Nach der Grunderprobung entscheidet sich jeder Werkstattmitarbeiter für zwei Bereiche, in denen er in den nächsten beiden Jahren ausgebildet werden will. Nicht jedem fällt die Umstellung von der Schule zur Arbeit leicht und es gibt hin und wieder Anpassungsschwierigkeiten. Aber durch die erfahrenen und einfühlsamen Gruppenleiterinnen gelingt die Integration in den Werkstattalltag.

Der Prozess der langsamen Eingewöhnung wird durch eine kleine Gruppenstruktur (Betreuungsschlüssel 1:6) und den täglichen, theoretischen Unterricht positiv unterstützt.

Die theoretische Ausbildung orientiert sich an den Arbeitsweisen der Werkstatt. So wird zum Beispiel Werkstoffkunde in den Bereichen Metall, Elektro oder Textil genau so gelehrt, wie Arbeitsschutz und Hygiene. Ebenso werden verschiedene Bereiche des alltäglichen Lebens besprochen. In diesem Lehrabschnitt finden sich Themen wie die eigene Wohnung, Sexualität und Partnerschaft, Umwelt, Geografie etc. wieder. Gerade für Menschen mit geistiger Behinderung ist eine Beschäftigung mit Fragen, die im Elternhaus vielleicht nicht thematisiert werden, enorm wichtig. Dies fördert nicht nur die Persönlichkeit, sondern auch die Entwicklung zu einem erwachsenen, selbständigen Menschen.

Nach jedem großem Thema gibt es einen kurzen Test, anhand dessen das Gelernte noch einmal reflektiert wird und überprüft werden kann, was davon im Gedächtnis geblieben ist. Auch hier gilt das Grundprinzip der "Normalisierung". Der Berufsbildungsbereich versucht, sich so nah wie möglich an der allgemeinen Berufsausbildung zu orientieren, ohne dabei die unterschiedlichen kognitiven Fähigkeiten der Werkstattmitarbeiter aus dem Blick zu verlieren. Neben einfach strukturierten Texten spielt die Anschaulichkeit eine zentrale Rolle bei der angemessenen Vermittlung der Inhalte. Unterstützendes Bildmaterial und das praktische Tun sind von großer Bedeutung für Werkstattmitarbeiter, die nie Lesen und Schreiben gelernt haben.

Die praktische Ausbildung erfolgt im kleinen Kreis durch intensive Anleitung und Praktika in den Gruppen des Arbeitsbereiches. Je nach den individuellen Fähigkeiten jedes einzelnen erlernen die Werkstattmitarbeiter kleine Arbeitsschritte oder ganze Arbeitsprozesse, die fachgerechte Benutzung von Handwerkzeugen oder das Bedienen von Automaten und Maschinen.

Nach zwei Jahren Berufsbildungsbereich steht fest, in welchem Arbeitsbereich oder in welcher Arbeitsgruppe der jeweilige Werkstattmitarbeiter künftig sein Arbeitsentgelt verdienen wird.

Zuvor muss er aber sein Werkstattexamen ablegen, bei dem jeder beweisen muss, was er in den zurückliegenden Monaten gerlernt hat. Auch dabei wird den unterschiedlichen Fähigkeiten der Werkstattmitarbeiter Rechnung getragen, und es gibt Prüfungen in verschiedenen Schwierigkeitsstufen, so dass Bestehen Ehrensache ist.

Bei einem gemeinsamen Abschlussessen erhalten dann alle voller Stolz ihre Urkunde zum bestandenen Werkstattesxamen.

Auch wenn sich die neuen Werkstattmitarbeiter am Anfang allein wie "einsame Skifahrer" fühlen, so sind sie am Ende doch integiert in das Team der Partner-Werkstätten.