Blindenfussball

Chemnitzer FC

Der Ball rasselt über das Spielfeld. Dem Spieler nähern sich zwei Gegner. Sie rufen „Voy!“, „Voy!“. Geschickt dribbelt er beide aus, den Ball eng am Körper. Dann flankt er präzise zu einem Mitspieler. Der schießt. Das Publikum hält gespannt den Atem an. Tor! Tooooor!!! Schön in die linke, untere Torecke. In diesem Moment unhaltbar für den Hüter, obwohl der Schütze vollkommen blind ist. Die Spieler der Mannschaft gehören zum Chemnitzer FC, einem von insgesamt 15 deutschen Teams in der europaweit einzigen Blindenfußball-Liga. Seit 2006 wird diese noch recht junge Sportart auch in Deutschland praktiziert und trainiert. Ursprünglich stammt der Blindenfußball aus Brasilien, wo er seit den 60er Jahren organisiert gespielt wird und von dort seinen Siegeszug durch die Welt antrat. Inzwischen wird in 21 Ländern der Welt Blindenfußball gespielt. Die ersten Weltmeisterschaften wurden 1998 ausgerichtet und finden seitdem alle zwei Jahre statt. 2008 führte die Sepp-Herberger-Stiftung, der Deutsche Behindertensportverband und der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband mit der DBFL, der Deutschen Blindenfußball Liga, eine bundesweite Spielserie für blinde und sehbehinderte Menschen ein. Diese trägt einen Teil ihrer Spieltage unter dem Motto „Mit Fußball in die Mitte der Gesellschaft“ auch in den Innenstädten aus. Fußball verbindet die Menschen und erleichtert den Sportlern die gesellschaftliche Integration, bietet Anerkennung und hebt das Selbstwertgefühl. Überdies schult Blindenfußball das Gehör, den Orientierungssinn, die Teamfähigkeit sowie die Körperbeherrschung der Sportler. Durch die Liga und das gestiegene Medieninteresse werden immer mehr blinde und sehbehinderte Menschen auf den Blindenfußball aufmerksam. Für viele ist Fußball die größte Leidenschaft. Die Bundesliga bietet ihnen die Möglichkeit, ihren Lieblingssport aktiv zu betreiben. Und dieser ist auch für die Zuschauer außergewöhnlich und spektakulär – ein Paradoxon: der Sport, der sich sehen lassen kann, betrieben von Spielern, die auf dem Feld buchstäblich blind aufeinander vertrauen müssen.

Auf jeder Seite stehen 5 Spieler pro Mannschaft, Frauen wie Männer. Augenklappen und –binden stellen sicher, dass alle Sportler die gleiche Stufe der Beeinträchtigung haben und während des Spiels zu 100 Prozent blind sind. Nur die Torhüter dürfen über eine normale Sehfähigkeit verfügen. Sie lenken ihre Mannschaft und dirigieren zusammen mit den mannschaftseigenen Guides hinter den gegnerischen Toren die Spieler über Zurufe. Auch die Spieler selbst kommunizieren untereinander und mit den Gegnern. Nähert sich zum Beispiel ein Spieler dem Ballführenden, muss er das spanische Wort „voy“ für „ich komme“ immer wieder laut rufen, um Fouls zu vermeiden und die Orientierung zu erleichtern. Durch diese starke Abhängigkeit der Spieler von der Kommunikation während des Spiels sind Zu- oder Jubelrufe unter den Zuschauern, wie beim Tennis, absolut verpönt. Stattdessen wird dem Publikum ermöglicht, über Kopfhörer den Ausführungen der Kommentatoren zu folgen. Das Spiel dauert zweimal 25 Minuten und zur Halbzeit gibt es eine 10-minütige Pause. Drei Schiedsrichter wachen über die Einhaltung der Spielregeln.

In Deutschland gibt es neben dem Chemnitzer Team auch Mannschaften in Marburg, Essen, Köln, Dortmund, Mainz, Gelsenkirchen, Stuttgart, Berlin, Tübingen, Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Herzlake, Würzburg und Hamburg. Geplant ist außerdem die Schaffung von Spielstätten in Nürnberg, Ilvesheim und Bremen. Neun dieser Teams nahmen in der Saison 2014 an den Spielen der Bundesliga teil, an deren Spitze seit Jahren der MTV Stuttgart steht. Doch die Himmelblauen des Chemnitzer FC werden ihnen immer gefährlicher. In der letzten Saison schafften sie es auf den dritten Platz der Bundesliga. Wir drücken die Daumen für 2015.