Eine Genossenschaftsbank aus Salt Lake City besucht Chemnitz

Utah First Federal Credit Union

Haben Sie gewusst, dass...

... es weltweit 800 Millionen Genossenschaftsmitglieder in über 100 Ländern gibt? (In Indien gibt es 239 Millionen Mitglieder!)

... mehr als 100 Millionen Arbeitsplätze weltweit von Genossenschaften bereitgestellt werden?

... allein in Deutschland über 20 Millionen Menschen, also ein viertel der Bevölkerung, Mitglied in einer Genossenschaft sind?

... die Genossenschaftsbanken in Deutschland über 17 Millionen Mitglieder haben?

... es mittlerweile mehr Mitglieder bei den Genossenschaftsbanken gibt, als die Niederlande Einwohner haben?

... es fünf Mal so viele Mitglieder wie Aktionäre gibt?

Nicht unbedingt. Aber hätten Sie gewußt, dass es in Salt Lake City, im US-Bundesstaat Utha, genau eine Genossenschaftsbank gibt, die auch noch eng mit Chemnitz verbunden ist?

Nein, dann haben, besser hatten wir etwas gemeinsam. Denn bis Anfang Mai 2015 war uns dieser Sachverhalt gänzlich unbekannt. Ein erster Anruf eben dieser Bank wurde noch mit einem Lächeln als kleiner Scherz aufgefasst. Als uns jedoch ein Brief erreichte, war auch Herr Wolfgang Müller, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Chemnitz eG gänzlich von der Existenz dieser Genossenschaftsbank überzeugt. Der im Schreiben angekündigte Besuch von 40 Personen wurde am 13. August 2015 Realität. Die neun Vorstandsmitglieder, vier Mitglieder des Prüfungsausschusses, fünf Exekutivvorsitzende und weitere Gäste erlebten die Stadt ihrer Gründungsväter - Chemnitz. Chemnitz, die ehemalige Heimat von 10 Auswanderern, die 1935 den Entschluss faßten, in Utha eine Bank zu gründen.

Wandeln auf den Pfaden ihrer Vorfahren - Ein Besuch in Chemnitz

Auf dem Tagesprogramm standen neben einem ausführlichen Stadtrundgang, einem Besuch der Chemnitzer Kunstsammlung, zu dem Frau Dr. Ingrid Mössinger recht herzlich eingeladen hatte, auch ein Vortrag im Haus der Volksbank Chemnitz eG. Vorstandsmitglied Gunnar Bertram, hielt diesen in englischer Sprache und gab einen kleinen Einblick in die Entwicklung des genossenschaftlichen Bankenwesens, speziell die der Volksbank Chemnitz.  

An diesen bedeutsamen Tag soll für alle Zeit eine Gedenktafel erinnern, die unsere Gäste aus Utha mitgebracht und an den Vorstand der Volksbank Chemnitz eG übergeben haben. Damit soll der Besuch in Chemnitz auf diese Art und Weise für alle in guter Erinnerung bleiben.

Zur Historie der amerikanischen Genossenschaftsbank

Über die Geschichte unserer Gäste aus Utha gibt es eine Menge interessanter Fakten zu berichten. Dazu Darin Moody, Vorstand der Utha First Federal Credit Union:

"Im Jahr 1935 gab es Familien in Salt Lake City, die echte Hilfe brauchten, solche, von der man nur träumen konnte.

Es war die Zeit nach der Weltwirtschaftskrise und die Arbeitslosigkeit stand auf 20 Prozent, dazu erschienen Kriegswolken am Himmel. In Amerika wurde die Alcohol Anonymous Organisation gegündet, und im gleichen Jahr gab es zum ersten Mal Bier in Dosen. Synthetische Fasern mit dem neuen Namen Nylon wurden von einem DuPont Chemiker produziert. Es war das Geburtsjahr des Swing mit Benny Godman, und die Welt wollte tanzen.

1935 war der Durchschnittskaufpreis für ein Haus $3.450, das Durchschnitstgehalt pro Jahr $1.600, Benzin kostete 2 1/2 Cent pro Liter, die Miete war durchschnittlich $22 pro Monat, ein Laib Brot kostete 8 Cents und ein Pfund  Gehacktes 11 Cents. Der Durchschnittskaufpreis für ein neues Auto war $625.

Die Weltwirtschaftskrise war besonders in Utha zu spüren. Die damaligen Zustände würden uns heute überraschen. Im Jahr 1933 stand die Arbeitslosenrate in Utha auf 35,8 Prozent, die vierthöchste in den USA. Im Jahr 1932 war das Gehalt der Arbeiter, die einen Job hatten, um 45 Prozent gesunken und die Länge der Arbeitswoche fiel um 20 Prozent. Im Frühjahr 1933 erhielten 92 Prozent der Bevölkerung in Utha Lebensmittel, Kleidung, Unterkunftshilfe und andere wichtige Mittel von einem Hilfefonds der Regierung. 32 von Uthas 105 Banken waren untergegangen und viele Firmen machten bankrott. Familien lebten nach dem Spruch "Benutze es, trage es solange wie möglich, oder komme ohne es aus." Das bedeutete, dass jeder Cent mehrmals umgedreht wurde, dass Menschen mit weniger auskommen mußten und dabei immer an die Katastrophe dachten, die jederzeit kommen konnte.

Es überraschte also nicht, dass es fast unmöglich war, von einer Bank Geld zu bekommen.

Es war zu dieser Zeit, vor 80 Jahren, als 10 deutsche Immigranten nach einem besseren Weg Ausschau hielten. Die Zehn wollten einen sicheren Ort finden, wo sie ihr Geld anlegen konnten, eine Institution, die ihnen Geld leihen würde, damit sie andere Familienmitglieder nach Amerika bringen konnten. Die zehn Männer zeigten Courage, Selbstvertrauen und den Wunsch, etwas Gutes für Andere zu tun.

Am 23. Juli 1935 wurde die Credit Union mit 23 Anteilen von einem Wert von $115 gegründet. In den darauf folgenden Jahren war es ihr Ziel, im Leben ihrer Mitglieder wichtig zu sein, indem sie bessere Raten, besseren Kundendienst und totales Vertrauen versprach.

1949 gab es 161 Mitglieder und die Vermögenswerte der Credit Union waren auf $12.149 gestiegen, und die Credit Union hatte immer noch ihren Hauptsitz im Keller des Hauses eines der freiwilligen Mitarbeiter. Innerhalb von 10 Jahren gedieh die Credit Union zusammen mit der wachsenden Wirtschaft und einem großen Zustrom von deutschen Einwanderern. 1960 gab es 2.719 Mitglieder und wir erreichten die erste Million. Jetzt gab es auch zum ersten Mal einen Vollzeitmanager. Heute, im Jahr 2015, liegt die Mitgliederzahl bei über 20.000 und unser Vermögen liegt bei $275 Millionen.

Viel hat sich in den letzten Jahren geändert, aber unsere Ziele und Werte sind die gleichen geblieben. Wir ehren unsere Gründer, in dem wir ihr Erbe weiterhin für noch viele Generationen weiterverfolgen."